| Konfliktort
Black Mesa
Die Vertreibung von Indigenen
aus ihrem angestammten Land ist nicht zu Ende. In Arizona sollen Familien
der Dineh zwangsumgesiedelt werden. Den Viehzüchtern wird ein Leben
in Städten oder in Siedlungen auf radioaktiv verseuchtem Land angeboten.
Familien, die sich weigern, ihr Heimatland zu verlassen, müssen sich
vor Gericht verantworten.
In den Vereinigten Staaten von Amerika,
die sich als Leader im weltweiten Kampf gegen die Verletzung von Menschenrechten
ansehen, haben die Ureinwohner von Amerika immer noch keinen genügenden
Schutz vor Landwegnahme, Umsiedlungen durch Gewalt und Rassismus. Ein sehr
aktuelles Beispiel dazu ist die Situation der Familien, die von einer Zwangsumsiedlung
bedroht sind. Sie kämpfen mit Hilfe internationaler Unterstützung
seit über 25 Jahren gegen ein Gesetz, das sie von ihrem angestammten
Land vertreiben soll.
Landstreit
zwischen Dineh und Hopi?
Jahrzehnte lang vertrat die Öffentlichkeit
die Meinung, dass es sich bei diesem Gesetz, das im Jahre 1974 vom Kongress
verabschiedet worden ist und Präsident Ford kurz darauf unterzeichnet
hat, um den Schlichtungsversuch eines Landstreites zwischen zwei indigenen
Gruppen handle. Doch bei sorgfältiger Betrachtung der Fakten und bei
der Einbeziehung aller Interessengruppen erhärtet sich der Verdacht,
dass der Streit von aussen geschürt worden ist, um nach der Zwangsumsiedlung
der letzten Dinehfamilien das somit leerstehende Land aufgrund seiner reichen
Steinkohlevorkommen ohne Probleme ausbeuten zu können.
Denn die Regierung der Dineh und
ihren Nachbarn den Hopi wurde von der amerikanischen Regierung just zu
diesem Zeitpunkt eingesetzt, in dem ein grösseres Interesse an den
natürlichen Ressourcen, die unter dem Reservationsland liegen, aufgekommen
ist. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keine „offizielle“ Vertretung von Seiten
der Dineh und Hopi. Die erste Amtshandlung der 1921 gegründeten Tribal
Council der Dineh war die Vergabe der Bohrlizenzen an Standard Oil.
American
Way of Life und das uralte Erbe
Der Zwist innerhalb der Dineh und
auch der Hopi hat schon Ende des letzten Jahrhunderts begonnen, als Missionare
mit ihrer Arbeit in den Reservationen begannen. Die weit verbreitete Meinung
die indianische Bevölkerung habe keine akzeptable Religion und keine
soziale Struktur innerhalb ihrer Gesellschaft führte dazu, dass Missionare
davon überzeugt waren, diese Leute erziehen zu müssen, um sie
so zu retten. "Kill the Indian in him and save the man“. So wurden
Kinder von ihren Eltern fortgerissen und in Missionsschulen gesteckt, wo
ihnen verboten wurde, ihre eigene Sprache, Religion und traditionelle Zeremonien
abzuhalten. Viele, die so aufgezogen worden sind, verloren die Verbindung
zu ihren Eltern und ihrem ursprünglichen sozialen Umkreis. Der Verlust
der Wurzeln führte schnell zum Minderwertigkeitsgefühl und die
westliche Welt mit ihrem Luxus und ihren Werten wurde als Vorbild, oder
zumindest als Standard angesehen. So gab es langsam aber sicher deutliche
Unterschiede und Konfliktpotential zwischen den sogenannten „Modernen“
und den „Traditionellen“, jenen Leuten, die sich ihres uralten Erbes immer
noch bewusst sind, und es in der heutigen Zeit immer noch leben und respektieren.
So lehnen diese auch heute noch die
„modernen“ Tribal Government ab, die eine „moderne“ Lebensweise führen
und so kaum die Bedürfnisse der Traditionellen vertreten und berücksichtigen
können.
Energieinteressen
Die Ertragsanteile, die der Navajo
Tribal Council aus den Mietverträgen von den Kohlengesellschaften
erhält, ist schon lange ein fester Bestandteil des Budgets, mit dem
die Wirtschaft der Reservation in Gange gehalten wird.
Als Mitte der 50er Jahre auf der
Black Mesa riesige Steinkohlevorkommen entdeckt wurden, nahm das Interesse
der Tribal Government der Navajo und der Hopi am Land und am Landbesitz
stark zu. Dieses Gebiet, die Joint Use Area (JUA) wurde bis zu diesem Zeitpunkt
von den Dineh und den Hopi gemeinsam genutzt. Doch dann zeigte der Konzern
Peabody Western Coal Company (PWCC) grosses Interesse am Land und an seinem
Pachtrecht. Doch da in der JUA keiner der beiden Tribal Council das alleinige
Verfügungsrecht hatte, war ein Abschluss der zum Abbau der Kohle benötigten
Pachtverträge schwierig.
Ein Anwalt, der gleichzeitig für
den Hopi Tribal Council, aber auch für Peabody arbeitete, und so sehr
gute Kenntnisse der Standorte der am besten und am billigsten abbaubaren
Kohle hatte, teilte die JUA auf der Karte in zwei Teile. Peabody überzeugte
Washington von der Notwendigkeit dieser Teilung und damit entstand 1974
das Bundesgesetz Navajo–Hopi Land Settlement Act (PL 93-531), das die JUA,
ohne Rücksicht auf die dort wohnenden Familien, in zwei Teile schnitt.
Die eine Hälfte des Landes ging an die Dineh (Navajo-Partitioned Land
/ NPL), die andere wurde in die Hopi-Reservation einverleibt (Hopi-Partitioned
Land / HPL). Plötzlich fanden sich etwa 100 Hopi und etwa 12'000 Dineh
auf der „falschen“ Seite des Stacheldrahtes, der sich nun stur durch die
Landschaft zog, oftmals mitten durch Anbau- und Weideflächen. Die
Regierung plante, die Umsiedlung der auf der NPL lebenden Hopi und der
auf der HPL lebenden Dineh bis 1986 abgeschlossen zu haben. Damit sollte
dem „langjährigen Landstreit zwischen den beiden Völkern“ ein
Ende gesetzt werden.
Der wahre Grund aber dürfte
die Tatsache sein, dass sich auf dem knapp 365 km² grossen Land 18
Milliarden Tonnen Kohle befinden, die wegen ihrer günstigen Lage von
weniger als 2 Metern Tiefe äusserst billig abgebaut werden können.
Doch solange Menschen auf diesem Boden leben, kann die Kohle nicht herausgeholt
werden. Das wissen die Kohlengesellschaften, die beiden Tribal Council
und die Regierung. Doch auch die traditionellen Dineh und Hopi wissen das,
und das ist für sie ein weiterer Grund, ihr Land nicht zu verlassen,
um es somit indirekt zu beschützen.
Die Black
Mesa
Denn für sie ist das Gebiet
der Black Mesa heilig. Hier finden sie die Pflanzen für die benötigte
traditionelle medizinische Versorgung, der Zeremonien, die einen wichtigen
Bestandteil ihres Daseins ausmachen und viele Kultstätte liegen in
diesem Gebiet. Der Kohlenabbau nimmt keine Rücksicht darauf: Über
2400 archäologische Stätte sind schon zerstört worden.
Die Manifestierung des Glaubens der
Dineh und der Hopi unterscheidet sich von unserer. Auch wenn ihre religiösen
Stätte nicht durch Bauten wie Kirchen, Synagogen, Moscheen usw. gekennzeichnet
sind, haben sie doch für sie die gleiche Wichtigkeit. Deren Erhalt
muss respektiert werden, so wie auch in der westlichen Welt Kirchen und
religiöse Bauten durch einen moralischen Kodex geschützt sind.
„Die Erde zu zerstören, die
das Zentrum ihres Glaubens ist, ist gleichbedeutend, wie Mekka zu bombardieren
oder den Sankt Petersdom abzureissen, um Marmor zu gewinnen.“ (Der Zerbrochene
Regenbogen 1985)
Der Kohlenabbau von Peabody Coal
Company belastet Mensch, Tier und Umwelt enorm. Da die Kohle in diesem
Gebiet nur einige Meter unter der Erde liegt, baut Peabody mit der „Strip
Mine“ Technik ab, was heisst, dass eine gigantische Maschine mit einem
Energieverbrauch einer amerikanischen Kleinstadt die Erde grossflächig
abträgt, bis sie auf die Kohle stösst. Dabei wird Kohlestaub
freigesetzt, die der Wind bis zu Siedlungen trägt, wo er den Menschen
mit der Zeit eine schwarze Lunge beschert. Beim Kohlenabbau freigesetztes
Gift Selen liess bereits einen beträchtlichen Teil der Schafe erblinden.
Weideländer, Quellen und Wasseradern werden mit Schwermetallen verseucht.
Die Krebsrate ist viermal höher als anderswo in den USA. 6 -10 Tonnen
verkleinerte Kohle werden mit 8'000 - 17'000 Liter Wasser gemischt und
in dieser Form durch eine 468 km lange Pipeline zum Mohave Elektrizitätswerk
transportiert. Dieser enorme Wasserverbrauch liess alle Brunnen auf der
Black Mesa versiegen. Einige der Dineh-Ältesten müssen über
50 Meilen reisen, um zu Trinkwasser zu gelangen.
New Lands
Die Umsiedlung der 100 Hopi konnte
ohne grössere Schwierigkeiten abgeschlossen werden. Doch ein neues
Land für 12'000 Dineh zu finden, brachte Komplikationen mit sich.
So kaufte die US-Regierung 1980 südlich der Grenzen der Navajo Reservation
am Rio Puerco zusätzliches Land, und liess Siedlungen bauen. Viele
Familien akzeptierten nun eine Umsiedlung und zogen in die New Lands. Die
Regierung hatte ihnen aber nicht mitgeteilt, dass sich 1979, ein Jahr vor
dem Kauf der Ländereien, weiter flussaufwärts einer der schlimmsten
radioaktiven Unfälle der USA ereignet hatte. Damals brach ein Damm
und 355 Mio. Liter radioaktiv verseuchtes Wasser und radioaktiver Schlamm
flossen in den Rio Puerco. Die umgesiedelten Dineh erfuhren erst davon,
als ungewöhnlich viele von ihnen an Krebs erkrankten, und daher eine
Untersuchung des Gebietes durchgeführt wurde.
In den vergangenen 25 Jahren sind
über 10.000 Dineh dem Druck der Behörden gewichen und haben „freiwillig“
umgesiedelt. Sie wurden in der neuen Umgebung mit Alkohol, Depressionen,
Entwurzelung, Auseinanderfall der Familien und verursachte, gesundheitlichen
Schäden durch radioaktive Strahlung konfrontiert. Eine Studie weist
nach, dass 25% der in die Städte vertriebenen Dineh innerhalb von
6 Jahren gestorben sind. Eine Dineh-Älteste sagt:
„Es gibt kein
Wort in Dineh für Umsiedlung.
Umgesiedelt
zu werden, heisst zu verschwinden, und nie mehr wiedergesehen zu werden.“
(Pauline Whitesinger in Vanishing
Prayer 1999)
Einmal vom Land gewichen, wird jede
Rückkehr dorthin zurück durch Gesetze unmöglich gemacht.
Problematische
Gesetzgebungen: Bennet Freeze...
Der Widerstand der noch auf ihrem
angestammten Land ausharrenden Dinehfamilien soll durch fortwährende
Repressalien zermürbt werden. Der Abschnitt 10(f) vom PL 93-531 wird
„Bennett Freeze“ genannt und wurde eingeführt, um die Ansiedlung von
weiteren Dineh Familien auf dem HPL zu verhindern, indem die Errichtung
von Neubauten und Reparaturen an bestehenden Behausungen verboten wurden.
Was auf der einen Seite als Notwendigkeit angesehen wird, um den Umsiedlungsprozess
nicht zu verlangsamen, wirkt sich auf der anderen Seite für die Betroffenen
sehr problematisch aus. In einem Gebiet, in dem es im Winter bis zu –30
Grad Celsius kalt werden kann, wird durch dieses Verbot eine zerbrochene
Fensterscheibe zu einem grossen Problem. Um den Waldbestand nicht zu gefährden,
wurde auch das Sammeln von Feuerholz verboten. Finden Hopi-Ranger während
Durchsuchungen dennoch Brennholz in den Häusern, wird es konfisziert.
Die Kohlen-und Uranabbaufirmen halten
sich nicht an die Bedingungen der Pachtverträge, die ihnen vorschreiben,
die Gegend auf der abgebaut worden ist, wieder aufzuforsten. Peabody versuchte
in der ersten Zeit dieser Verpflichtung durch die Aussaat von Samen einer
russischen Distelart via Flugzeug nachzukommen. Doch diese Pflanzenart
schadete der Umwelt mehr, als dass sie ihr half.
Um einer Erosion des Landes vorzubeugen,
die der Meinung der Regierung durch Überweidung durch Vieh- und Schafherden
verursacht werden kann, wurden mehrere Male die Herden der Dineh und Hopi
verkleinert, indem die Tiere eingepfercht und abgeschossen worden sind.
Doch es ist bekannt, dass die traditionellen Schaf- und Viehhirten mit
einem derart reduzierten Viehbestand ihren Lebensunterhalt nicht mehr sichern
können, und so leben heute viele teilweise oder ganz von sozialen
Unterstützungsgeldern. Noch immer konfisziert das BIA (Bureau of Indian
Affairs) regelmässig das Vieh der Dineh und Hopi. Die Summe, die für
die Auslösung verlangt wird, liegt über allen finanziellen Verhältnissen
der Betroffen.
...und
Accomodation Agreement
1988 wurde von den auf der HPL lebenden
Dineh ein Gerichtsverfahren angestrengt und das Umsiedlungsgesetz (PL 93-531)
als ein Verstoss gegen ihr Recht auf freie Religionsübung angeklagt.
Nach langen Anhörungen und Verhandlungen beider Stämme wurde
im Oktober 1996 das Accomodation Agreement (PL 104-301) erlassen. Darin
ist eine 75-Jahrespacht enthalten, die der Hopi Tribal Council den immer
noch auf der HPL lebenden Familien offeriert hat. Die mit diesem
Pachtvertrag verbunden Restriktionen sind jedoch so hoch, dass sie die
freie Religionsausübung der Dineh unmöglich machen. Jeder Familie
werden nur 3 Acres Land zugesprochen, was für eine extensive Schafwirtschaft
im Halbwüstenklima Arizonas nicht ausreicht. Zudem wird der Vertrag
sofort und ohne Berufungsmöglichkeit aufgehoben, wenn gegen mehr als
drei Vorschriften verstossen werden. So weigern sich etwa 3000 traditionelle
Dineh, diesen Knebelvertrag zu unterschreiben. Nachdem das HPL am 1. Februar
2000 offiziell unter die Gerichtsbarkeit der Hopi fiel, müssen sich
die noch auf dem HPL verbleibenden Dineh vor dem Hopi Gericht verantworten.
Bis jetzt sind zwei langjährige Unterstützerinnen gerichtlich
des Gebietes verwiesen worden.
Besuch
von UNO-Sonderberichterstatter Amor
Die fortwährenden Menschenrechtsverletzungen
haben im Februar 1998 zu einer Vor-Ort-Untersuchung eines UNO Sonderberichterstatters
wegen religiöser Intoleranz geführt. Über 100 Leute waren
in dem Hogan von Dineh-Älteste Glenna Begay zusammengedrängt.
Drei Hopi Älteste zeigten ihren Nachbarn ihre Unterstützung und
ihre Missbilligung der geplanten Zwangsumsiedlung durch ihre Anwesenheit.
Immer und immer wieder hörte Mr. Abdelfattah Amor von den Ungerechtigkeiten,
welche die Dineh ertragen mussten. Dieser Bericht wurde im April 1999 an
der 55. Sitzung der UNO-Menschenrechtskommission in Genf präsentiert.
Die UNO-Vertreter der amerikanischen Regierung gaben keinen Kommentar zu
den zum Teil heftigen Anschuldigungen.
Die Welt tritt in ein neues Millenium.
Den Dineh steht die Zwangsumsiedlung bevor. Präsident Clinton unterzeichnete
dieses Umsiedlungsgesetz während er eine Runde Golf spielte.
Wie auch andere indigene Führer
rund um die Welt, sagen uns die Dineh Elders (Älteste), dass alles
Lebendige miteinander verbunden ist, und dass alles, was ihnen auf der
Black Mesa widerfährt, der ganzen Menschheit widerfahren wird.
Internationale
Unterstützung
In Europa, aber auch in verschiedensten
Länder rund um die Welt haben Unterstützergruppen ein Informationsnetz
gebildet, mit dem sie über die Situation der Dineh informieren und
sich für deren Rechte und Schutz einsetzen. Ein wichtiges Anliegen
dieser Unterstützergruppen ist es, eine Lobby in Parlamentarierkreisen
zu schaffen und Dineh VertreterInnen einzuladen, damit sie Politikern und
Interessierten ihre Situation direkt schildern können. In der Verabschiedung
der „Entschliessung des Europäischen Parlaments zu indigenen Amerikanern
in den USA, insbesondere den Dineh“, zeigten sich diese Anstrengungen fruchtbar.
In den letzten Monaten haben unzählige
Menschen in England, Schweden, Österreich, den Niederlanden, den USA,
Japan und anderen Ländern gegen die Politik die gegen die Dineh geführt
wird, protestiert. Die Unterstützergruppe INCOMINDIOS Schweiz hat
mehrere Mahnwachen durchgeführt, Leute informieren können und
Unterschriften gesammelt. Im Februar 2000 wurden der Amerikanischen Botschaft
an die 1500 Unterschriften überbracht. Mehrere Mitglieder von INCOMINDIOS
reisten dieses Jahr selber zum Big Mountain, um sich ein eigenes Bild von
der Situation zu machen und die Leute Vor-Ort zu unterstützen.
Text: Simone Greminger 2000, INCOMINDIOS-Arbeitsgruppe
Black Mesa
Online
Petition
We
Demand Peace and Harmony
for
the Dineh, Hopi & Mother Earth
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